Claudia Berg – Immer wieder Italien
Vom 24. Mai bis 29. Juni 2024 zeigt die Galerie Erik Bausmann eine Einzelausstellung der Künstlerin Claudia Berg (*1976).
"Nach nochmaligem Lesen der »Italienischen Reise« von Goethe wird mir deutlich, dass wir seine Briefe an Herder eher dem schlechten Gewissen eines Privilegierten verdanken, als dass sie bewusste Dichtung wären. Er ist in Italien und denkt an Weimar. Genauso sind seine Zeichnungen Versuche, Erinnerungen zu speichern und möglichst genau den Zurückgebliebenen zu vermitteln. Er konnte ja nicht fotografieren. Gerne hatte er einen Zeichner bei sich, Tischbein und Kniep, da er sehr wohl wusste, dass seine Talente auf dichterischem Gebiet lagen und nicht im Bildkünstlerischen. Darüber hat er sich in Briefen mehrfach beklagt.
Ganz anders natürlich Claudia Berg. Ihre literarischen Aufzeichnungen kennen wir nicht, aber umso mehr ihre zeichnerischen. Auch sie zeichnet, um sich zu erinnern, sie fotografiert auch, um Lücken zu schließen. Aber es geht nicht darum, uns besondere Landschaften zu zeigen. Eben eher um eine aus dem Erlebnis Italien gewonnene Empfindung und Lebenssicht weiter zu geben. In ihr wird am fremden Ort eine Gefühlswelt mobilisiert, die der Auslöser künstlerischer Empfindung wird, Wir werden deshalb in ihren Radierungen und Übermalungen nicht aufsehenerregende Orte wiederfinden, sondern eine anrührende und erhellende Sicht auf unsere Welt, ihre Schönheit, ihre innere Spiritualität, auf unser Leben. Das erklärt das Fehlen touristischer Ereignisse. Es erklärt auch die Nähe der italienischen Zeichnungen und Bilder zu den heimischen. Aber, und das beschreibt auch Goethe, das andere Licht, die anderen Farben und das Verhalten anderer Menschen ermöglichen eine gewissermaßen verfremdete und deutlichere Sicht auf die existenzielle Realität unseres Seins.
Ich behaupte nun, dass ihren Bildern eine Kraft innewohnt, die über Abbildung weit hinausgeht. Man spürt das, man kann es genießen und in Freude verwandeln. Dieser wahrhaft prometheische Gedanke (auch wieder Goethe) kann Kunst verstehbar machen und begründen. Es ist die wunderbare Möglichkeit, die Kunst haben kann; und hier haben wir nun ein sehr einleuchtendes Beispiel.
Es ist zufällig, dass ich gerade aus Venetien komme. Nicht ganz zufällig ist es, dass ich an Orten war, die Claudia Berg kurz vorher besucht hat. Ich habe sehr schnell verstanden, warum es gerade diese Landschaft ist, die sie inspiriert, Orte, wo sich Kunst und Natur begegnen. Es gibt eine nicht allzu große Villa im Vorland der Euganeischen Berge, die diese Vision ganz unangestrengt vollendet. Von zwei gegenüberliegenden Laubengängen kann man wechseln zwischen Ost und West, zwischen Morgen und Abend. Die Landschaft breitet sich in vollkommener natürlicher Schönheit aus, es sind Wälder bis zu den Gipfeln der Hügel, es sind Weingärten mit ihrer mathematischen Geometrie, einzelne Häuser, Wege, Felder. Unveränderte Natur begegnet der von Menschen im Einklang mit ihr veränderten. Die Villa weiträumig ummauert, Weinfelder vor der Mauer, Weinfelder innerhalb der Mauer, Olivenbäume, Feigen; angelegte Flächen mit Rabatten aus roten und weißen Gänseblümchen, Abtrennungen mit Mohnblumen und Stiefmütterchen. Das ist nicht nur einfach schön, es vermittelt eine Haltung, vielleicht ein Stück Goldenes Zeitalter, wo die Menschen im Einklang mit der Natur, der Muße, der Liebe, der Dichtung und der Musik hingegeben waren. Wir denken einfach nicht an das Personal, an die großen gesellschaftlichen Ungerechtigkeiten, die auch Hintergrund sind.
Claudia Berg kommt aus Halle Neustadt, hier nun berührt sie etwas Elementares, das Motiv für Kunst sein kann, die uns letzten Endes an die Schönheit der Welt erinnert. Es ist die Kontinuität von Antike, Renaissance und jetzigem Leben, einem Leben nicht in den Trümmern der Vergangenheit; die sind auf wunderbare Weise selbstverständliches Gut der Gegenwart geworden.
Et in Arcadia ego, das Land in dem die Dichtung ihren Ursprung hat, so sah es Vitruv, so sah es Goethe. So sieht es Claudia Berg. Es begründet dieses IMMER WIEDER ITALIEN."
– Helmut Brade: Eröffnungsrede zur Ausstellung Claudia Berg – Immer wieder Italien in der Galerie Erik Bausmann, 23. Mai 2024.