Schattenbilder der Seele

Als Goethe am 2. April 1787 den Boden Siziliens in Palermo betritt, ist er nicht allein. Der Maler und Landschaftszeichner Christoph Heinrich Kniep begleitet ihn. Er soll die außergewöhnliche Natur und die Denkmäler Siziliens zeichnen. »Hat man sich nicht ringsum vom Meere umgeben gesehen, so hat man keinen Begriff von Welt und von seinem Verhältnis zur Welt. Als Landschaftszeichner hat mir diese große, simple Linie ganz neue Gedanken gegeben«, liest man in der Italienischen Reise kurz nach der Ankunft in Palermo: »Mein Künstler, den ich bei mir habe, ist ein munterer, treuer, guter Mensch, der mit der größten Akkuratesse zeichnet; er hat alle Inseln und Küsten, wie sie sich zeigten, umrissen; es wird euch große Freude machen, wenn ich alles mitbringe.« Und Goethe beginnt zu schwärmen: »Mit keinen Worten ist die dunstige Klarheit auszudrücken, die um die Küsten schwebte, als wir am schönsten Nachmittage gegen Palermo anfuhren. Die Reinheit der Conture, die Harmonie von Himmel, Meer und Erde. Wer es gesehen hat, der hat es auf sein ganzes Leben. Nun versteh' ich erst die Claude Lorrains und habe Hoffnung, auch dereinst in Norden aus meiner Seele Schattenbilder dieser glücklichen Wohnung hervorzubringen.«
Nicht die Worte, allein die Kunst kann solche Eindrücke festhalten. Wer auf die Kaltnadelradierungen der Künstlerin Claudia Berg blickt, darf sich also fragen, ob sich Goethes Hoffnung erfüllt hat. Es sind zweifellos Schattenbilder der Seele, die wir sehen, mit ihren Augen. Ohne Farben zwar, aber mit »der vollen Helle des weißen Lichtes«, in dem alles Körperliche so sichtbar, auch das Entfernteste greifbar nah zu sein scheint, und in dem zugleich »durch seinen Glanz jede Schwere aufgehoben wird«, so dass »alles bildhaft wird und einen verlockenden Zauber erhält«. So heißt es in einem ihrer Lieblingszitate von Friedrich Krauss. Die Zeit bewahrte diese Bildhaftigkeit: Der Zauber von Landschaft und Licht, von Hell- und Dunkelschattierungen blieb, zwischen denen die weichen und reinen Konturen entstehen. »Indem wir als Deutsche dieses Inselland betreten, scheint sich uns unablehnbar Goethes Genius zum Begleiter anzubieten. Wir kreuzen mit jedem Gang die Spuren seines Weges«, schreibt der Dichter Hugo von Hofmannsthal, der 1924 Sizilien bereiste, und fährt fort: »An dieser Insel gehen die Jahrhunderte fast spurlos vorüber, und sein Sinn, der auf das Gesetzmäßige und Bleibende gerichtet war, hat uns die Gestaltung der Landschaft überliefert mit der Genauigkeit eines Erdkundigen und ihre Färbungen und Belichtungen mit dem Auge eines Malers«. Aber diese Landschaft lässt permanent Bilder entstehen, wunderbare Bilder, stark und zart zugleich, die das Auge nicht festhalten kann. Hofmannsthal spricht vom »Sichlösen des Festen«, und Goethe schreibt in einem Brief an Herder nach seiner Rückkehr aus Sizilien: »Ich habe die Reise durch Sizilien leicht und schnell getrieben, wenn ich wiederkomme, sollt ihr beurteilen, wie ich gesehen habe. Daß ich sonst so an den Gegenständen klebte und haftete, hat mir nun eine unglaubliche Fertigkeit verschafft, alles gleichsam vom Blatt wegzuspielen, und ich finde mich recht glücklich, den großen, schönen, unvergleichbaren Gedanken von Sizilien so klar, ganz und lauter in der Seele zu haben. Nun bleibt meiner Sehnsucht kein Gegenstand mehr im Mittag.« Besser kann man – so scheint es – den Arbeitsauftrag nicht formulieren, den Claudia Berg sich gab. Mit Goethe als Begleiter und doch im Heute auf sich gestellt, weil es die Hand der Künstlerin braucht, um diesen »großen, schönen, unvergleichbaren Gedanken von Sizilien« zu fassen. Sie sieht die Landschaft, wählt die flüchtigen Bilder und zeichnet sie, um wirklich sehen zu können. Es ist eine Übersetzung, zuerst aufs Zeichenblatt und schließlich auf die Kupferplatte, auf der die Künstlerin kratzend, mit sparsamen Mitteln, die zauberhaften, zarten Konturen der sie umgebenden Orte und Landschaften festhält, um das südländische Licht als sinnliche Erinnerung auf feinstes Papier zu drucken. In einem Augenblick haben ihre Sizilien-Blätter, um mit Hofmannsthal zu sprechen, »unserem inneren Sinn für immer Licht und Weite gegeben, und nie läßt sich sagen, in welcher drangvollen verdunkelten Stunde uns dies noch zugute kommen wird«! Als selbstbewusste zeitgenössische Künstlerin muss Claudia Berg Goethe auch widersprechen. Etwa wenn sie der Villa Palagonia Gerechtigkeit widerfahren lässt, deren Figurenensemble aus Bettlern, Zwergen, Musikanten, Nymphen und Faunen, Drachen und Schlagen der Klassizist aus Weimar als »Elemente der Tollheit« schmähte. Die Künstlerin aus Halle an der Saale hat einen anderen Blick auf das kuriose Barockschloss mit der von skurrilen Skulpturen überzogenen Mauer des Prinzen Palagonia und kann ihm durchaus etwas abgewinnen. Im Erleben der sizilianischen Natur und im Verwandeln der Eindrücke in Kunst oder Dichtung ergeben sich jedoch Parallelen. 
Am 8. Mai 1787 befinden sich Goethe und Kniep unter Taormina, am Meer. Der Maler ist fortgegangen, um in der Natur zu zeichnen. »Erst wollte ich mit hinaufgehen«, schreibt Goethe, »dann aber reizte mich's, hier zu bleiben, die Enge sucht' ich wie der Vogel, der sein Nest bauen möchte. In einem schlechten, verwahrlosten Bauergarten habe ich mich auf Orangenäste gesetzt und mich in Grillen vertieft […] Und so saß ich, den Plan zu Nausikaa weiter denkend, eine dramatische Konzentration der Odysee.« Dann kommt Kniep zurück, mit »zwei ungeheuere[n] Blätter[n], reinlichst gezeichnet, zufrieden und vergnügt«, und Goethe hält fest: »Beide wird er zum ewigen Gedächtnis an diesen herrlichen Tag für mich ausführen. Zu vergessen ist nicht, daß wir auf dieses schöne Ufer unter dem reinsten Himmel von einem kleinen Altan herabschauten, Rosen erblickten und Nachtigallen hörten. Diese singen hier, wie man uns versichert, sechs Monate hindurch.« Die sizilianischen Nachtigallen singen noch heute ihre Lieder, aber das von der Homer-Lektüre angeregte Nausikaa-Drama Goethes blieb bloß Fragment. Aus einer Erinnerung geht hervor, dass Goethe »durch die Gegenwart und Tätigkeit eines geschickten Künstlers« hoffte, dass ihm »von den interessantesten Gegenden und ihren Teilen feste, wohlgewählte Bilder, im Umriß und nach Belieben auch ausgeführt, bleiben würden«, um später seinem »auflebenden Drange« nachzugehen, »die gegenwärtige herrliche Umgebung, das Meer, die Inseln, die Häfen, durch poetische würdige Gestalten zu beleben und mir auf und aus diesem Lokal eine Komposition zu bilden, in einem Sinne und in einem Ton, wie ich sie noch nicht hervorgebracht.« Aber Knieps Bilder reichten nicht aus. Der poetische Gedanke war an den Ort gebunden, jenen verwahrlosten sizilianischen Bauerngarten mit Orangenästen und Grillen. Die unglückliche Liebesgeschichte zwischen dem göttergleichen Odysseus und der phäakischen Königstochter Nausikaa, die bei Homer als Retterin des gestrandeten Odysseus auftritt und bei Goethe einen tragischen Liebestod hätte sterben sollen, blitze nur kurz in der Fantasie des Dichters auf, wurde aber wahrscheinlich schon in Neapel, spätestens aber zurück in Rom aufgegeben. Kunst und Poesie – in Sizilien wirkten sie zusammen und belebend. Goethes Nausikaa-Fragment schließt mit den Versen: 

»Wie eines Dichters Lied tönt sie [die Rede] dem Ohr
Und füllt das Herz und reißt es mit sich fort.
Ein weißer Glanz ruht über Land und Meer
Und duftend schwebt der Äther ohne Wolken«

Claudia Berg hat mit ihrer Kunst mehr erreicht. Die Schattenbilder ihrer Seele zeugen von Siziliens Licht und Zauber, und wir können in ihren Kaltnadelradierungen die Landschaften und Orte bestaunen und die Wärme und Schönheit jener Insel empfinden, die laut Goethe »der Schlüssel zu allem« ist.

– Joachim Seng im Katalog Claudia Berg: Die Ewigkeit im Augenblick. Halle (Saale) 2022, S. 14-17.

 

Image description
Villa Pallagonia (Bagheria, Sizilien)

Claudia Berg // 2019 // Plattenmaße 58 x 76cm // Auflage 11
K-2019-2
Image description
Villa Palagonia II (Bagheria), Sizilien

Claudia Berg // 2019 // 57 x 76 cm // Kaltnadelradierung
K-2019-2

 

 

Claudia Berg ist in ihren Ansprüchen bescheiden. Sie hat Landschaften geliebt und zu Kunstwerken verwandelt, die eigentlich hässlich sind. Die letzten Jahre waren für sie eine neuartige Herausforderung: Sie musste nun Dinge und Landschaften lieben, die schön sind. Hässliches schön zu machen, das ist eine lohnende Aufgabe, aber Schönes noch schöner zu machen, das ist schwer. 
Sie hatte sich jahrelang mit Bäumen, besonders auch kahlen, mit Gestrüpp, Gras, Schutthalden, Hügeln, verfallenen Zäunen und bestenfalls wenigstens monumentalen Ruinen zufriedengegeben. Dazu gehört auch die Sehnsucht nach Italien; aber das ist etwas ganz anderes als Italien selbst, … und dann noch Venedig, eine Stadt ohne Bäume und ohne Gestrüpp. 
Ihre Kunst ist ein Reisetagebuch, zuerst ganz direkt, später verdichtet. Nicht unbedingt regt es dazu an, ihren Wegen zu folgen. Darüber hinaus verwandeln sich ihre Beobachtungen im Atelier zu eigenständigen Werken, die nun selbstständig geworden sind und ihre Anlässe nicht mehr brauchen. Diese Methode wird auch dadurch gefördert, dass sie touristische Höhepunkte ausspart. Sie macht den Besucher eher aufmerksam auf schöne Gewöhnlichkeiten, um derentwillen man nicht unbedingt Grenzen überschreiten muss. 
Rom war ein Anfang. Tivoli ist schon durchaus Tivoli. Latium, die Landschaft um Rom herum, eher unerforscht und doch überreich an römischen und christlichen Spuren, hat nun noch andere Geheimnisse zu entdecken, die etruskischen Spuren. Und hier sind es nicht repräsentative Bauwerke, es ist vielmehr ein Lebensgefühl, ein fühlbarer Umgang mit Natur. Das sind Erde und Himmel, denen man sich nicht entziehen kann, wenn man erst einmal einen Zipfel davon ergriffen hat. Und das hat Claudia Berg. Eine Kleinigkeit folgt auf eine andere Kleinigkeit, und plötzlich öffnet sich eine Welt. Kann man das zeichnen, kann man es darstellen? Schluchten, durch die Leichenzüge gewandelt sind zu Höhlen in den Tuffwänden, zu Totenfesten, zu Lebensfesten, zur Verherrlichung des Daseins und zur Bejahung des Todes. Ich habe es auch erlebt: Vergangenheit wird Gegenwart, künstlerische Darstellung zum Dienst an Geschichte, an Leben. Höhepunkt war der vergangene Sommer. 
Und dann kam der Herbst: Venedig. Vergangenheit, die da ist. Nirgends so offensichtlich. Keine Autos, keine Verkehrsschilder, sogar keine Fahrräder. Eigenartiges Licht, Helligkeit, ein feiner Nebel, Licht und Schatten in den Ritzen und Löchern der Architektur, eine hochkant gestellte Tiefdruckplatte. Die Verdeckung durch den Kitsch des Tourismus ist durch die »Camusische Pest« gebrochen. Claudia Berg sieht schwarzweiß, so sieht sie noch besser diese ungeheuerliche Stadt, die so glanzvoll um ihr Überleben kämpft. Hier herrscht nicht die Strenge graphischer Linearität, hier ist Malerei schon da, wenn man es sehen kann. Und Claudia Berg hat es gesehen und kann es darstellen. Und so gelingt ihr unerwartet das Besondere, eine neue Sicht auf eine alte Bilderwelt, die man schon für undarstellbar und verloren gehalten hat. 
Guardi, Turner, Claudia Berg… Annäherungen an ein Weltwunder.

– Helmut Brade im Katalog Claudia Berg: Die Ewigkeit im Augenblick. Halle (Saale) 2022, S. 5. 

 

 

Image description
Haus (im Latium)

Claudia Berg // 2021 // 39 x 50 cm // Öl auf Leinwand
L-Ö-2021-13
Image description
Im Latium

Claudia Berg // 2022 // 40 x 50 cm // Öl auf Leinwand
CB-OE-2022-9

 

 

Der Baum im Geheimniszustand. Notiz zu den Graphiken Claudia Bergs

Einmal sah ich einen Baum. Es war wohl ein Bergahorn, genau weiß ich es nicht. Eigentlich war es mehr ein Strauch – ein paar einzelne Zweige, ein Schattenstamm, ein Strunk. Es schien als sei das Gewächs gerade eben erst entstanden, ein Baumursprung im Dunst. Doch war er nicht auch schon verwuchert im Dickicht an einem Hang? 
Der Baumstrauch schien jedenfalls zu schweben über jenem unergründlichen Abgrund, in dem jeder Anfang ruht, er war noch eine Frage: Wer bin ich? Er war noch durchscheinend für die eigene Nichtexistenz, für die Welt, bevor es ihn gab, und so war er ein Wesen, das erst wurde, das in aller Deutlichkeit, in einer geradezu bestürzenden Klarheit danach fragte, was sein Vorhandensein eigentlich bedeuten soll. 
Auf solche Fragen war hier keine Antwort. Auch das Dickicht bestand ja nur aus wenigen Strichen. Bei näherem Hinsehen löste es sich schon auf in ein paar Kratzer, Krakel, wirre Linien, Strukturen wie ein Mückentanz im Sommer. Der Baum hatte nichts von der Plastizität einer Rinde, von der Stofflichkeit ausgreifender Wurzelarme oder einer belaubten Krone. Er hatte keine Farbe, und er hatte auch kein Gewicht. Er ähnelte diesem Eindruck in der Dämmerung, in jenen Minuten, wenn das Licht gerade erst bläulich anhebt oder fast vergangen ist und das Sichtbare augenscheinlich nicht mehr von der Schwerkraft durchdrungen wird, sondern an einer Schwelle steht, in der ersten Kontur, tastend noch der eigenen Gestalt. Diesen Baum sah ich auf einer Graphik von Claudia Berg, und damals schrieb ich ein Gedicht: 

Die Materie des Bergahorn 

Er ist ein anderer zu andrer Stunde / 
Zeigt in der Sonne Narbenschründe / Falten 
Von Rindenschuppen / in verpilzten Spalten 
Erstarrt das Baumblut aus den Wurzelwunden.

Im Dämmern ist der Baum erst klar / ist Quelle
Von innen / Rand und Riß: Er ist es nicht / 
Verdichtet sich zu einem Loch im Licht /
Wird schwarz / er steht an seiner eigenen Schwelle.

Claudia Bergs Graphiken ähneln Paradoxen: Sie sind als Blätter natürlich unveränderlich in dem was sie sind und zeigen, und sie sind doch Bewegungen, sind Zeugnisse eines subtilen, kaum vorhersehbaren Werdens. Immer, wenn ich sie betrachte und dann den Blick abwende, sei es für Sekunden, bin ich mir nicht mehr sicher, ob sie noch dasselbe darstellen, wenn ich sie wieder anschaue. 
Diese Unsicherheit ist berechtigt. Hier huschen Bildwelten davon und sind plötzlich wieder da in einer enorm lebendigen schöpferischen Stille. Sie sind Augenblickserscheinungen, verwandt dem kindlichen Staunen darüber, daß etwas ist und was da ist. Sie haben einen unsichtbaren Raum im Rücken, eine Art ungestaltete Tiefe des Möglichen, und immer werde ich überrascht: Jeder Strich ist völlig gewiß, muß so sein, wie er ist, und er ist doch ein Erkunden, Versuch, ein Keim. 
In diesem Keimhaften, das doch zugleich auf seine Weise vollendet ist, wir mir auch die warme Menschlichkeit, welche die Graphiken Claudia Bergs auf mich ausstrahlen, klarer. Wir leben heute zunehmend in distinkten Unterscheidungen: Ja, nein. Finster, hell. Sichtbar, unsichtbar. Freund, Feind. Rückkopplungseffekte aus der digitalen Welt, binäre Codes prägen unseren Weltzugang. Null, ein. Es ist, es ist nicht. Aber dabei gerät in Vergangenheit, daß alles Wirkliche, wie auch alles Humane, aus Zwischenräumen kommt. Der Mensch steht immer auf der Schwelle zwischen dem Hier und Dort, zwischen Wachen und Schlafen, Tag und Nacht, zwischen Leere und Fülle, Dasein und Abschied – und seine eigentlichen Lebensräume sind die Dämmerung, das Hell- oder Dunkelwerden, das Dösen im Halbschlaf, das Zwielicht der Verführung, der langsame Weg der Erkenntnis. »Wolfslicht«, lykophos, nannte Platon diesen Dämmerzustand, der gefährlich auf der Kippe steht – und genau das ist der Raum des Lebendigen. In dieses »Wolfslicht« führen mich die Graphiken Claudia Bergs. Sie lassen mich nicht fragen, was ich da sehe, sondern, was mir sichtbar wird.
Dort erhebt sich ein Strauch aus dem Dunst, dort scheint eine Ruine zu schweben, dort, eine Öffnung in der Wirklichkeit, geht wohl ein Weg, nicht irgendwohin, sondern als Pfad ein merkwürdig ruhender Augenblick – und alles, als sei es im Entstehen, und mir wird bewußt, wie das Sehen eigentlich ein hervorbringen ist, ein Gestalten und zugleich ein Erblinden für das Ungestaltete. Dieses Ungestaltete aber »webt« und »wallt« zwischen und unter und vor und in den wahrnehmbaren Formen. »… hin und her! / Geburt und Grab, / ein ewiges Meer …« so raunt der Geist, den Faust nicht erträgt. Dem Betrachter entzogen, sobald er etwas sieht, ist dieses Ungewordene mehr als eine Abstraktion. Es scheint mir ein wesentliches Thema Claudia Bergs zu sein. Sie ist mit dem Musilschen »Möglichkeitssinn« unterwegs in der Wirklichkeit, der sie sich doch verpflichtet weiß. Sie ist mit dem Unsichtbaren beschäftigt, das in all dem liegt, was wir sehen. So trägt sie eine melancholische (und substantielle) Flüchtigkeit, eine heimliche Frage in jede Gestalt ein: Warum ist das, was ist, das, was es ist? Diese Frage hat keine Antwort, aber einen Grund. Er kann nicht benannt oder abgebildet werden, er erscheint, als Sehnsucht, als Nachbild, als ein Vermissen: 

Vergessen – steter Wind / die Beete liegen brach. 
Die Stelzen schwirren auf / ein Ahornzweig wippt nach.

– Christian Lehnert im Katalog Claudia Berg: Die Ewigkeit im Augenblick. Halle (Saale) 2022, S. 26-28. 

 

 

Image description
Dorfstraße (Böllberg, Halle)

Claudia Berg // 2021 // 79 x 101,5 cm
K-2021-10
Image description
An der Residenz

Claudia Berg // 2021 // 79 x 101,5 cm
K-2021-9

 

 

Es sind [...] sparsame »Worte«, mit denen die Werke von Claudia Berg auskommen. Aber sie sind sorgsam gewählt, genau platziert, und sie formieren sich zu tiefgründigen Bildern künstlerischer Wirklichkeitsaneignung. Ihre Arbeiten verfangen sich nicht im Abbild, sondern lassen eine eigene Welt von Formen und Zeichen entstehen. Ihre Suche nach dem, was Welt und Wirklichkeit im Innersten zusammen hält, verleiht Claudia Bergs Arbeiten eine Ästhetik ganz eigener Art. Eine Ästhetik, die ihre Spannung aus der Reduktion bezieht und das Erhabene anklingen lässt, ohne davon überwältigt zu werden. Denn die Künstlerin beharrt auf der kritischen, auf der reflexiven Durchdringung ihrer Werke, auf dem Blick dahinter, der sozusagen »unter die Haut« geht.

– Barbara Stark: Rede zur Verleihung des Hans-Meid-Preises an Claudia Berg am 3. April 2022 in der Fabrik der Künste in Hamburg (Ausschnitt).